Wir leben in einer schnelllebigen Zeit der Informationsverdichtung und ‑überflutung. Gleichzeitig steigt in diesen volatilen Zeiten die Unsicherheit und genau in diesem Umfeld wird ADHS deutlich sichtbarer. Das spaltet:

Für die einen ist es eine Modediagnose. Für die anderen ein nach wie vor massiv untererkanntes Phänomen, vor allem bei Erwachsenen, bei Frauen und bei den vielen Stillen, die gelernt haben, sich anzupassen und ihre Diagnose lieber für sich zu behalten.

Durch meine vielschichtigen Klienten sehe ich viele Menschen, die ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter, mit 18, 35, 45, 55 oder 73 Jahren, erhalten haben. Deshalb erlebe ich beide Seiten der Debatte: einerseits die berechtigte Skepsis gegenüber Selbstdiagnosen, gleichzeitig aber auch den Leidensdruck vieler Menschen, die jahrzehntelang übersehen wurden.

Während Social Media und Presse von lauten ADHS-Stimmen dominiert werden, bleiben dennoch viele unsichtbar. Genau hier liegt das Problem. In meinen Augen zeigt sich ein vielschichtiges Spannungsfeld: Es gibt eine deutliche Zunahme dokumentierter ADHS-Diagnosen und gleichzeitig Hinweise darauf, dass ADHS bei vielen Menschen weiterhin nicht oder erst spät erkannt wird. Und ein weiterer Punkt ist hervorzuheben:

Die Zunahme der Diagnosen kann verschiedene Gründe haben: mehr Wissen, bessere Erkennung, veränderte Versorgungswege, geringere Stigmatisierung und möglicherweise auch Veränderungen diagnostischer Praxis.

Genau das macht das Thema so komplex. Es können zwei und sogar mehrere Seiten gleichzeitig wahr sein. Aus meiner Sicht als ADHS-, Stress- und Karriere-Coach mit eigener Spätdiagnose benötigen wir daher mehr Differenzierung statt polarisierenden Lagerdenkens. Wir benötigen wie so oft ein Sowohl-als-auch statt eines Entweder-oders.

Denn die Realität ist komplexer, als die öffentliche Debatte oft vermuten lässt.

Um diesen vermeintlichen Widerspruch zu verstehen, bemühen wir erst einmal Zahlen, Daten und Fakten.

Wie häufig ist ADHS wirklich? Die wichtigsten Zahlen und Fakten

ADHS bei Erwachsenen: Warum die Diagnosen deutlich steigen

Nüchtern betrachtet sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Und genau deshalb lassen wir jetzt einmal die Statistik zu Wort kommen und ich ziehe mich zurück:

In Deutschland leben etwa 83,5 Millionen Menschen. Schätzungsweise 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen erfüllen in Deutschland die Kriterien einer ADHS oder haben eine entsprechende Diagnose. Das entspricht grob einer halben Million bis 600.000 jungen Menschen.

Für Erwachsene werden Prävalenzschätzungen von ungefähr 2,5 Prozent genannt. Das entspräche in Deutschland etwa 1,7 bis 1,8 Millionen Menschen.

Die Diagnoseraten schwanken dabei stark je nach Alter: Bei Vorschulkindern liegt die Rate bei knapp 3 Prozent, bei Jugendlichen bei bis zu 8 Prozent. Hinzu kommen etwa 5 Prozent Verdachtsfälle. Das sind Kinder und Jugendliche, bei denen ADHS vermutet, aber noch nicht offiziell diagnostiziert wurde.

Gleichzeitig steigen die Diagnosen im Erwachsenenalter seit Jahren deutlich an. Die Neudiagnosen bei Erwachsenen sind von 2015 bis 2024 um 199 Prozent gewachsen: von 8,6 auf 25,7 Fälle pro 10.000 gesetzlich Versicherte. Besonders stark war der Anstieg seit 2021: von 12,7 auf 25,7 pro 10.000.

Daten gesetzlich Versicherter zeigen einen deutlichen Anstieg dokumentierter Neuerkrankungen beziehungsweise Neudiagnosen im Erwachsenenalter. Diese Zahlen bilden jedoch nicht die gesamte Bevölkerung ab und erlauben für sich genommen keine Aussage darüber, ob die Häufigkeit von ADHS in der Bevölkerung im gleichen Maß zugenommen hat.

Der Anstieg diagnostizierter ADHS-Fälle bedeutet nicht automatisch, dass ADHS selbst plötzlich in diesem Ausmaß neu entstanden ist. Ein wesentlicher Teil kann durch bessere Erkennung, veränderte Aufmerksamkeit, mehr Wissen und niedrigere Hürden bei der Abklärung erklärt werden.

ADHS entwickelt sich nicht plötzlich im Erwachsenenalter

Nach den geltenden Diagnosekriterien müssen Anzeichen einer ADHS bereits in der Kindheit vorhanden gewesen sein. Bei Erwachsenen ist dieser Nachweis jedoch nicht immer leicht, weil Kindheitserinnerungen, Zeugnisse oder Fremdberichte unvollständig sein können.

Das ist ein wichtiges Diagnosekriterium.

Das ist ein wichtiges Diagnosekriterium. Das heißt aber nicht, dass die Betroffenen früher kein ADHS hatten. Es bedeutet, dass sie später erkannt werden, oft erst im Erwachsenenalter, wenn Kompensationsstrategien nicht mehr greifen und wenn die Anforderungen steigen.

Hier gilt: Das Problem ist nicht, dass heute zu viele Menschen ADHS diagnostiziert bekommen. Das Problem ist, dass wir jahrzehntelang zu wenige erkannt haben.

ADHS bei Frauen: Warum heute deutlich mehr Frauen diagnostiziert werden

Dabei holen Frauen jetzt stark auf, da der Ausgangspunkt so niedrig war. Wurden im Jahr 2015 noch doppelt so viele Männer wie Frauen neu mit ADHS diagnostiziert, lagen im Jahr 2024 die Zahlen fast gleichauf: Männer 26,9 pro 10.000, Frauen 24,8 pro 10.000. Insbesondere in der Altersklasse 18–24 sind Männer und Frauen 2024 nahezu gleich häufig diagnostiziert.

Jungen erhalten im Kindesalter deutlich häufiger eine ADHS-Diagnose als Mädchen. Dieses Verhältnis sagt jedoch nicht automatisch, wie groß der tatsächliche Unterschied in der Prävalenz ist, Unterschiede in der Symptomdarstellung und Diagnostik können eine Rolle spielen.

Im Alter von 11 bis 17 Jahren wurde bei jedem zehnten Jungen und jedem 43. Mädchen ADHS diagnostiziert. Fachleute weisen seit Jahren darauf hin: Mädchen fallen oft anders auf. Sie sind weniger störend, weniger externalisierend, dafür eher verträumt, innerlich unruhig oder hoch kompensiert.

Warum ADHS bei Frauen und Männern oft lange unerkannt bleibt

Momentan sind diagnostizierte Frauen im Blick. Und das ist wichtig. Bei Frauen wird die Komplexität von ADHS durch eine zusätzliche Dimension verstärkt.

Hormonelle Veränderungen im Zyklus, in Schwangerschaft und Perimenopause können bei manchen Frauen mit Veränderungen der ADHS-Symptomatik oder des subjektiven Belastungserlebens einhergehen. Die Forschung dazu wächst, ist aber bisher nicht in allen Bereichen eindeutig. All das kann die Symptome zusätzlich verstärken. (Das Thema Frauen und ADHS verdient einen eigenen Blogbeitrag.)

Dennoch dürfen wir auch Männer nicht übersehen, auch sie sind nicht immer hyperaktiv. Auch Männer können übersehen werden, insbesondere wenn sie eher unaufmerksam, stark kompensierend oder nach außen leistungsfähig erscheinen und oft auch sind.

So können ADHS und Hochbegabung gemeinsam vorkommen. Eine hohe Begabung kann Schwierigkeiten teilweise verdecken. (Im Übrigen beobachte ich das Gleiche bei hochbegabten Frauen in meiner Praxis.) Auch bei ihnen kann sich Unzufriedenheit entwickeln, weil sie merken, dass sie „ihre PS“ nicht auf die Straße bringen. In meiner Coaching-Praxis gibt es zahlreiche Männer und Frauen mit Hochbegabung und Spätdiagnose ADHS, die aus diesen Gründen lange durch das Raster gefallen sind. (Und nicht selten wird auch die Hochbegabung lange übersehen.)

ADHS bei Erwachsenen: Warum die Diagnose jahrzehntelang übersehen wurde

Um zu verstehen, warum heute so viele Erwachsene erst spät ihre ADHS-Diagnose erhalten, lohnt sich ein Blick auf den früheren Forschungsstand. Lange Zeit ging man davon aus, dass ADHS vor allem eine Störung des Kindesalters sei und sich mit der Pubertät weitgehend „auswachse“.

Die Annahme „Das wächst sich doch raus“ prägte über viele Jahre Diagnostik, Versorgung und öffentliche Wahrnehmung und entsprechend Eltern, Kinderärzte und Betroffene. Wenn man glaubt, dass ADHS im Erwachsenenalter kaum noch vorkommt, schließt man es als Erklärung für Probleme aus und sucht seltener danach. Genau das ist ein wichtiger Grund, warum so viele Betroffene über Jahrzehnte nicht erkannt wurden.

Heute geht die Forschung von einem anderen Bild aus: ADHS verschwindet häufig nicht einfach, sondern verändert im Lebensverlauf oft nur seine Erscheinungsform.  Studien zur Entwicklung von ADHS über die Lebensspanne kommen je nach Definition und Untersuchungszeitraum zu unterschiedlichen Ergebnissen. Viele Betroffene zeigen auch im Erwachsenenalter weiterhin Symptome oder relevante Beeinträchtigungen; bei anderen nehmen die Symptome zeitweise deutlich ab. Eine neuere Langzeitstudie legt zudem nahe, dass vollständig anhaltende Remissionen seltener sein könnten als früher angenommen.

Auch die diagnostischen Kriterien wurden erst nach und nach stärker an Erwachsene angepasst, da der Symptomshift von ADHS im Erwachsenenalter andere Kriterien in der Diagnostik benötigt.

Im Erwachsenenalter können sich Symptome anders zeigen: Sichtbare motorische Unruhe kann etwa in innere Getriebenheit übergehen, während Anforderungen an Organisation, Planung und Selbststeuerung zunehmen.

Dadurch wurde überhaupt erst sichtbar, was lange übersehen worden war: ADHS ist keine reine Kinderdiagnose, sondern kann Menschen bis ins Erwachsenenalter begleiten und tut dies allzu oft mit einer großen Wucht.

Durch diese lange Zeit bestehende wissenschaftliche Fehlannahme hat man vielen Menschen die Möglichkeit genommen, ADHS als wichtigen Teil des Erklärungsansatzes für Leidensdruck und entstandene Abwärtsspiralen zu begreifen. Das betrifft Erwachsene, die als Kinder oder Jugendliche diagnostiziert wurden, und übersehene Erwachsene gleichermaßen.

Das Tragische dabei ist, dass Betroffenen gerade in kritischen Lebensphasen wie Übergangszeiten vom Jugend- ins Erwachsenenalter die Chance genommen wurde, mit dem Bild von ADHS die wichtige Zeit zu meistern und lebenswichtige Entscheidungen zu Ausbildungs- und Berufswegen für sie stimmig zu treffen. Vor dem Hintergrund einer ADHS-Diagnose könnten entlastende Erklärungsmöglichkeiten entwickelt werden. ADHS könnte zudem systematisch in die Identitätsbildung eingebunden werden: weg von der Scham, nach dem Motto „Ich bin anders, ich passe nicht“, hin zu Fragen wie: Wie kann ich all das meistern mit meiner ADHS, Kompetenzen stärken, mir Unterstützung holen? Welche Talente und Werte habe ich, und welche Richtung soll mein Leben nehmen?

Meine persönliche Erfahrung und meine Beobachtungen aus Coaching-Prozessen zeigen mir: Wenn unterstützende Rahmenbedingungen, passende Strukturen, körperliche Bewegung, eine stimmige berufliche Situation und tragfähige Beziehungen zusammenkommen, können Symptome und Beeinträchtigungen deutlich weniger Raum einnehmen. Das ersetzt keine Behandlung oder Diagnostik, zeigt aber, wie kontextabhängig der Alltag mit ADHS sein kann.

Wenn sich Anforderungen ändern, etwa durch Krankheit, Scheidung, Studium, Kinder oder einen neuen Arbeitsplatz, kann sich das auch anders zeigen. Diesen Zyklus gilt es immer wieder zu bewältigen.

Außerdem verändert die Diagnose nicht die Vergangenheit. Aber sie verändert oft die Bedeutung, die wir der Vergangenheit geben, und den oft allzu strengen Blick auf die eigene Lebensgeschichte.

Der doppelte Loop: Warum mehr ADHS-Sichtbarkeit zu Diagnosen führt

Aus all den nachvollziehbaren Zahlen entsteht ein Effekt, der häufig als doppelter Loop beschrieben wird: Je mehr Erwachsene diagnostiziert werden, desto mehr Aufklärung entsteht. Und je mehr Aufklärung entsteht, desto mehr Erwachsene erkennen sich wieder und suchen wiederum eine Abklärung.

Das gilt besonders für Frauen, aber auch für Männer. Je mehr sichtbar wird, dass ADHS sich bei Frauen oft anders zeigt als im alten Klischee, desto mehr Frauen erkennen eigene Muster, suchen Hilfe und tauchen dann auch in den Diagnosestatistiken auf.

Das ist zunächst etwas Positives. Denn es bedeutet, dass Menschen endlich gesehen werden, die lange übersehen wurden. Gleichzeitig verstärkt genau dieser Prozess den öffentlichen Eindruck, ADHS sei plötzlich überall.

Aber in Wahrheit ist das kein Beleg für eine Modediagnose. Es ist eher ein Hinweis auf einen lange aufgestauten Nachholbedarf in Forschung, Diagnostik, Versorgung und menschlichem Austausch. So schafft es ADHS nicht selten als Gesprächsthema in die Kaffeerunde und lässt Menschen staunen, wie viele mittlerweile betroffen sind. Ja, irgendwo müssen sie doch sein, die ca. 1,8 Millionen Menschen.

Sichtbarkeit erzeugt nicht ADHS. Sichtbarkeit macht ADHS sichtbar!

ADHS-Subtypen: Warum nicht alle Menschen mit ADHS dem Klischee entsprechen

Das DSM-5 unterscheidet drei aktuelle Erscheinungsbilder von ADHS: die vorwiegend unaufmerksame, die vorwiegend hyperaktiv-impulsive und die kombinierte Erscheinungsform. Diese Einordnung kann sich im Lebensverlauf verändern.

Die Häufigkeit dieser Erscheinungsbilder variiert je nach Alter, Geschlecht, Stichprobe und Untersuchungsmethode. Fest steht jedoch: Nicht alle Menschen mit ADHS entsprechen dem Bild eines äußerlich hyperaktiven oder störenden Kindes.

Das bedeutet: Zahlreiche Menschen mit ADHS zeigen nach außen keine ausgeprägte Hyperaktivität. Manche erfüllen vor allem Kriterien der Unaufmerksamkeit und andere erleben Unruhe stärker innerlich als sichtbar.

Auch sind nicht alle Menschen mit ADHS laut, schrill, auffällig. ADHS zeigt sich bei jedem Menschen unterschiedlich und trifft dabei immer auch auf die individuelle Persönlichkeit. Und da gibt es auch introvertierte Menschen.

Menschen mit ADHS sind nicht immer laut und störend. Sie sind verträumt, vergesslich, innerlich unruhig, oft erschöpft vom ständigen Kompensieren. Sie verlieren sich in Gedanken, vergessen Dinge, kämpfen mit mentaler Erschöpfung. Auch wenn sie oft nach außen ruhig sind, herrscht innerlich ein hoher Druck.

Und auch bei den Menschen mit kombiniertem Typ gilt: Die äußere Hyperaktivität, die im Kindesalter oft noch deutlich sichtbar war, wandelt sich im Erwachsenenalter häufig in innere Unruhe, Gedankenrasen oder ein ständiges Gefühl von Getriebensein.

Meine Beobachtung ist, dass ADHS oft nach außen nicht sichtbar ist. Symptome wie innere Unruhe werden kompensiert. Desorganisation führt häufig zu Chaos im Kopf, Strukturlosigkeit und Überforderung. Menschen drohen unter der Last von Unerledigtem zusammenzubrechen. Manche merken auch, dass da so viel mehr Potenzial wäre, würde man unter anderem einen besseren Umgang mit Zeit finden.

Das heißt: ADHS kann unmöglich nur das sein, was öffentlich am lautesten sichtbar ist. Gerade die ADHS-Bilder, die in den Medien und auf Social Media dominieren – laut, hyperaktiv, impulsiv und störend –, treffen auf einen großen Teil der Betroffenen überhaupt nicht zu.

Die Stillen, die Verträumten, die Erschöpften fühlen sich deshalb oft übersehen und auch von den schrillen Beschreibungen nicht getroffen.

Warum ADHS trotz steigender Diagnosen keine Modediagnose ist

Wenn wir die Statistik bemühen, wird eines klar: Die lauten Stimmen, die auffälligen Geschichten sowie die reichweitenstarken Social-Media-Accounts sind real. Aber sie sind nur ein kleiner Ausschnitt.

Die Zahlen deuten auf eine viel größere Gruppe hin: leise, angepasste, oft unentdeckte Menschen, die im öffentlichen Bild kaum vorkommen. Menschen, die funktionieren. Menschen, die sich anpassen und die ihre Diagnose aus Angst vor Nachteilen im Beruf, im Freundeskreis oder in Beziehungen lieber verschweigen.

Je sichtbarer die Lauten werden, desto wichtiger wird es, die Stillen nicht erneut zu übersehen.

ADHS in der Kindheit: Warum die Diagnose oft übersehen wird

Wenn heute Erwachsene ihre ADHS-Diagnose erhalten, taucht oft berechtigt die Frage auf: Warum hat das denn früher niemand bemerkt?

Diese Frage klingt zunächst logisch. Und man hätte gerne eine schnelle, kurze Antwort. Aber die Frage greift oft zu kurz. Denn ADHS in der Kindheit war und ist nicht immer leicht zu erkennen. Vor allem dann nicht, wenn wir nur das klassische Bild vom lauten, zappeligen, impulsiven Kind im Kopf haben. Auch müssen wir berücksichtigen, dass ADHS nicht immer gleich „stark“ ist.

Viele Kinder mit ADHS waren in der Kindheit nach außen unauffällig. Sie waren eher verträumt, still, innerlich unruhig, schnell abgelenkt, emotional empfindlich oder stark angepasst. Oder auch hyperaktiv, aber dennoch übersehen, weil das Leistungsbild ausreichend war und weil es keinen erkennbaren Leidensdruck gab.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: ADHS kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Die Leitlinien unterscheiden drei Ausprägungen. Gerade eine eher leichte Ausprägung kann im Kindesalter wenig auffallen, besonders dann, wenn ein Kind intelligent ist, sich vielleicht auch stark anpasst oder von außen gut gestützt wird. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob Symptome vorhanden sind, sondern auch, wie stark sie ausgeprägt oder nach außen sichtbar sind, in welchen Lebensbereichen sie auftreten und ob sie überhaupt als behandlungsbedürftig wahrgenommen werden oder ob ein Leidensdruck besteht.

Gerade der vorwiegend unaufmerksame Typ wird bis heute leichter übersehen, weil diese Kinder ihr Umfeld oft weniger „stören“. Und was nicht stört, wird häufig auch nicht abgeklärt.

Hinzu kommt: Im Vorschulalter ist ADHS besonders schwer von normalem kindlichem Verhalten abzugrenzen. Was ist kindliche Lebendigkeit und Bewegungsfreude, wo fängt Auffälligkeit an? Die Diagnose ist deshalb gerade in jungen Jahren komplex und zurückhaltend zu stellen.

Wie Familie, Schule und Umfeld ADHS lange verdecken können

Aber nicht selten wurden und werden Kinder mit ADHS auch von außen gestützt: Oft wurden Schwierigkeiten durch günstige äußere Bedingungen noch aufgefangen: stützende Alltagsstrukturen durch die Familie, das Schulsystem oder die beste Freundin/den besten Freund. Viel Sport und Bewegung, weniger Medienkonsum, verständnisvolle Lehrerinnen.

Solange ein Kind in einem solchen Rahmen einigermaßen mitkam oder ausreichend Unterstützung hatte, fielen die Symptome möglicherweise nicht deutlich genug auf. Auch, weil einfach kein Leidensdruck da war oder nicht erkennbar war. Erst später, wenn die Anforderungen an Selbstorganisation und Selbststeuerung im Erwachsenenalter steigen, werden die Probleme sichtbarer und sind oft nicht mehr zu übersehen, leider oft lange ohne Antwort.

ADHS in der Kindheit nicht zu erkennen, bedeutet also nicht automatisch, dass „nichts da war“. Es kann auch bedeuten:

  • dass das Bild über ADHS im Kindesalter zu einseitig  an das alte Klischee angelehnt war
  • dass ein Kind Schwierigkeiten und Belastungen eher nach innen getragen hat und sie deshalb weniger sichtbar wurden
  • dass günstige Umweltbedingungen die Schwierigkeiten lange auffangen konnten
  • dass Elternhaus, Lehrer oder Freunde unterstützend an der Seite waren
  • dass Intelligenz und Begabung kompensierend eingesetzt wurden und die Anforderungen so leicht bewältigt wurden

Ein weiterer Grund für späte Diagnosen kann sein, dass ADHS in der Vergangenheit deutlich weniger diagnostische und öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Niemand hatte gelernt, genau hinzusehen, auch weil die Fachexpertise über ADHS nicht ausreichend war bei Eltern, Erzieherinnen, Lehrern oder Kinderärzten.

Wir sehen: Der Vorwurf „Modediagnose“ greift zu kurz. ADHS ist keine neu entstandene Erkrankung. Was sich verändert hat, sind Wissen, diagnostische Möglichkeiten, öffentliche Aufmerksamkeit und der Blick auf unterschiedliche Erscheinungsformen.

Frauen, Erwachsene und Menschen mit weniger auffälliger Symptomatik wurden in Forschung, Diagnostik und Versorgung lange deutlich häufiger übersehen oder später erkannt.

Was sich heute zeigt, ist kein Trend, sondern medizinischer Fortschritt: Wir schauen endlich genauer hin.

So stellt sich umso mehr die Frage: Wenn so viele Menschen übersehen werden, woher kommt dann die Wahrnehmung, dass plötzlich jeder ADHS hat.  Warum entsteht das Bild der Modediagnose?