Wie unsere moderne Lebenswelt Aufmerksamkeit und Selbststeuerung fordert, aber warum nicht jede Konzentrationsschwierigkeit ADHS ist
Gliederung
- ADHS und moderne Lebenswelt: Die Hochsprunglatte des Lebens liegt höher
- ADHS in einer Welt voller Reize, Informationen und Unterbrechungen
- ADHS und Aufmerksamkeit: Wenn die Lebenswelt den Reizregler hochdreht
- Meine zwei Welten: ADHS zwischen Kindheit und digitalem Dauerreiz im Erwachsenenalter
- VAST: Warum sich so viele Menschen in ADHS-Inhalten wiederfinden
- Salutogenese und ADHS: Was Menschen trotz Belastung handlungsfähig hält
- Warum Lebensgewohnheiten ADHS-Symptome verstärken oder abschwächen können
- ADHS verstehen: Ein differenzierter Blick statt einfacher Antworten
- Ausblick: Was gehört tatsächlich zur ADHS?
In den ersten beiden Teilen dieser Serie haben wir gesehen: Steigende Diagnosezahlen bedeuten nicht automatisch, dass ADHS eine „Modediagnose“ ist. Sie können vielmehr auch darauf hinweisen, dass Erwachsene, Frauen und Menschen mit weniger auffälliger Symptomatik lange übersehen oder erst spät erkannt wurden.
Gleichzeitig prägen schrille Medienbilder unsere Wahrnehmung und lassen viele Betroffene unsichtbar bleiben.
Doch selbst wenn wir diese beiden Aspekte berücksichtigen, bleibt für mich eine wichtige Frage: Warum sind die Diagnosezahlen so stark angewachsen? Ja, Aufklärung und Sichtbarkeit haben sich verändert. Aber reicht das als Erklärung? Nein, sicherlich nicht, denn dabei bliebe die Komplexität ausgeblendet. Ich glaube, wir müssen den Blick noch weiter öffnen.
Denn vor allem hat sich auch die Welt, in der wir leben, verändert. Und genau diese Perspektive möchte ich in diesem Blogartikel aufgreifen.
ADHS und moderne Lebenswelt: Die Hochsprunglatte des Lebens liegt höher
Nicht alles, was heute auf Social Media unter dem Hashtag ADHS kursiert, ist tatsächlich ADHS. Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, die Erfahrungen Betroffener als bloßen Zeitgeist abzutun. Die Wirklichkeit ist komplexer.
Das wird mir immer klarer, je intensiver ich mich mit ADHS und meiner eigenen ADHS-Ausprägung beschäftige, je mehr wissenschaftliche Erkenntnisse hinzukommen und je mehr Einblicke mir meine Coachingklientinnen und -klienten in ihre Lebensgeschichten ermöglichen.
Vielleicht geht es nicht nur darum, dass ADHS heute häufiger diagnostiziert wird.
Die entscheidende Frage ist: Inwieweit trägt auch die veränderte Welt, in der wir leben, zu dieser Entwicklung bei?
Früher schien vieles zwar anstrengend, aber irgendwie machbar. Heute berichten immer mehr Menschen, dass sie das Gefühl haben, ständig hinterherzulaufen.
Ich nutze dafür gerne ein Bild:
Die Hochsprunglatte des Lebens wurde angehoben.
Viele Menschen erleben Beruf, Familie und Alltag heute als komplex und verdichtet. Digitale Erreichbarkeit, häufige Unterbrechungen und die Vermischung von Beruf und Privatleben können Aufmerksamkeit, Erholung und Selbststeuerung zusätzlich beanspruchen.
ADHS in einer Welt voller Reize, Informationen und Unterbrechungen
Meine Arbeitshypothese als ADHS-, Stress- und Burnout-Coach lautet: Viele Menschen erleben heute wachsende Anforderungen bei gleichzeitig knapper werdenden persönlichen Ressourcen für Erholung, Orientierung und Selbststeuerung.
Diese Bedingungen betreffen längst nicht nur Menschen mit ADHS. Wie stark sich das auswirkt, zeigen aktuelle Zahlen aus der Arbeitswelt: 2024 verursachten psychische Erkrankungen 17,4 Prozent aller Fehltage bei DAK-versicherten Beschäftigten. Das Thema mentale Gesundheit ist in aller Munde.
In meinen Coachings begegnen mir immer wieder Menschen, die sich fragen, warum sie heute an ihre Grenzen kommen, obwohl sie viele Jahre gut funktioniert haben. Sie beschreiben das Gefühl, den steigenden Anforderungen immer weniger gerecht zu werden. Insbesondere fühlen sie auch eine gewisse Ohnmacht bei manchen Themen, deretwegen sie Unterstützung wünschen. Nicht selten ist das der Umgang mit dem Zeit- und Energiedieb Social Media.
Häufig ist eine bislang unerkannte ADHS eine Erklärung für diese Schwierigkeiten. Doch nicht jeder Mensch, der sich schneller ablenken lässt, Dinge aufschiebt oder Mühe mit Selbstorganisation oder -steuerung hat, erfüllt die Kriterien einer ADHS.
Die folgenden Entwicklungen werden oft miteinander vermischt, obwohl sie Unterschiedliches beschreiben:
- Auf der einen Seite wird die neurobiologische Entwicklungsstörung ADHS besser erkannt und die Zahl anerkannter ADHS-Diagnosen steigt.
- Auf der anderen Seite stehen veränderte Lebensbedingungen, die viele Menschen vor neue Herausforderungen stellen. Das betrifft Menschen mit ADHS im Besonderen, aber auch Menschen ohne ADHS.
- Unter solchen Bedingungen können Schwierigkeiten in der Selbstorganisation, Selbststeuerung oder Emotionsregulation deutlicher hervortreten, unabhängig davon, ob eine ADHS vorliegt oder nicht.
ADHS und Aufmerksamkeit: Wenn die Lebenswelt den Reizregler hochdreht
Noch nie zuvor waren wir einer solchen Fülle an Informationen, Reizen und ständigen Unterbrechungen ausgesetzt. Digitale Medien begleiten uns nahezu ununterbrochen. Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, unterschiedliche Lebensbereiche sollen parallel bewältigt werden, wir sind ständig erreichbar. Für die meisten Menschen ist das eine Herausforderung.
Für Menschen mit ADHS können diese Entwicklungen jedoch besonders belastend sein. Viele Anforderungen des heutigen Alltags betreffen Bereiche, die bei ADHS häufig besonders herausfordernd sein können:
- Aufmerksamkeit gezielt steuern
- Impulse hemmen
- Prioritäten setzen
- Ablenkungen ausblenden
- Aufgaben eigenständig strukturieren
Die Hochsprunglatte des Lebens liegt höher, und damit werden Unterschiede deutlicher sichtbar.
Ich möchte Ihnen hier gerne einmal zeigen, wie ich als ADHS-Betroffene die immer höher gelegte „Hochsprunglatte des Lebens“ sowie die Ablenkung durch digitale Medien und Informationsdichte erlebe.
Meine zwei Welten: ADHS zwischen Kindheit und digitalem Dauerreiz im Erwachsenenalter
Meine zwei Welten: Kindheit ohne Dauerreize, Erwachsenenleben in der schnelllebigen Informationsüberflutung
Ich gehöre zu einer Generation, die zwei Welten kennt.
In meiner Kindheit in den 80er-Jahren, in einem kleinen Dorf mit rund 250 Einwohnern, spielte sich mein Leben draußen ab: im Wald, auf Wiesen, beim Sport. Bewegung, Natur, Freunde und mein geliebter Bruder, mehr brauchte es nicht. Zum Telefonieren sind wir noch in eine Telefonzelle gegangen. Es gab keine Smartphones, keine sozialen Medien und keine Push-Nachrichten, die um meine Aufmerksamkeit konkurrierten. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes im Hier und Jetzt, verbunden mit Menschen, Bewegung und Natur.
Und natürlich hatte ich damals schon (unerkanntes) ADHS, denn die Diagnose setzt voraus, dass die Symptome in der Kindheit vorhanden waren. Aber die Welt stellte andere Anforderungen an mich.
Es gab weniger digitale Ablenkungen und weniger Anforderungen, dauerhaft erreichbar zu sein. Ich bin einfach in einer für mich „artgerechten“ Umgebung groß geworden, die mir viel Bewegung, Natur und unmittelbare soziale Kontakte ermöglichte. Und natürlich sind die Anforderungen der Kindheit andere als die des Erwachsenenlebens.
Im Laufe meines Lebens hat sich das grundlegend gewandelt, in meinen privaten wie in meinen beruflichen Rollen. Die Umwelt hat sich Stück für Stück verändert durch Computer, die Einführung von E-Mails im Arbeitskontext, Internet, Smartphones, soziale Medien und jetzt KI.
Es fühlt sich so an, als wäre mit jeder Entwicklung meine Aufmerksamkeit ein Stück stärker umkämpft. Impulskontrolle stand und steht jetzt ständig auf der Tagesordnung. Auch ich hatte Phasen, in denen ich mit der Selbststeuerung massiv kämpfen musste. Ich muss dem Thema Fokus und Aufmerksamkeit bis heute sehr viel Bewusstheit schenken. Manchmal scheint es, als würde an jeder Ecke ein neuer Aufmerksamkeitsdieb lauern.
All das ist kein Zufall. Aufmerksamkeit ist zu einer wirtschaftlichen Ressource geworden. Unzählige Unternehmen konkurrieren täglich um unseren Fokus: Push-Nachrichten, Social Media, Streaming, Messenger, Kurzvideos.
Dauerhafte Unterbrechungen, häufige Reizwechsel und hohe Informationsdichte können Aufmerksamkeit, Erholung und Selbststeuerung belasten.
Für viele Menschen ist das fordernd. Menschen mit ADHS berichten dabei häufig von einer besonders hohen Reizoffenheit, von raschen Gedankensprüngen und davon, dass es viel Energie kostet, die Aufmerksamkeit wieder auf das Wesentliche zurückzuführen. Das kann sich wie ein inneres Zuviel, wie Chaos oder Nebel anfühlen. Nicht nur mentale Erschöpfung ist eine häufige Folge.
Zusätzlich erleben viele Menschen mit und ohne ADHS heute Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Vergesslichkeit oder das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen. All diese Erfahrungen erinnern an ADHS, und häufig wird der Verdacht ja auch bestätigt. Aber es bedeutet nicht automatisch, dass eine klinische ADHS vorliegt. Hier müssen wir uns zumindest einmal erlauben, andere Möglichkeiten mitzudenken.
VAST: Warum sich so viele Menschen in ADHS-Inhalten wiederfinden
Wenn wir all die aufgeführten Entwicklungen zusammendenken, die höhere Hochsprunglatte des Lebens, die zunehmende Reizdichte unserer Umwelt und die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns, entsteht für mich ein ergänzendes Bild.
Einen ergänzenden Denkansatz liefern Edward Hallowell und John Ratey mit dem Begriff VAST, „Variable Attention Stimulus Trait“. VAST ist keine anerkannte Diagnose und kein Ersatz für eine ADHS-Abklärung. Als Modell kann es jedoch dazu anregen, Aufmerksamkeitsprobleme auch im Zusammenhang mit Lebensbedingungen, Gewohnheiten und Belastungen zu betrachten.
Möglicherweise erkennen sich heute nicht deshalb so viele Menschen in ADHS-Inhalten wieder, weil plötzlich alle ADHS haben. Vielmehr können Lebensbedingungen wie chronischer Stress, Schlafmangel, permanente Erreichbarkeit oder hoher digitaler Medienkonsum Beschwerden begünstigen, die sich äußerlich mit ADHS-Symptomen überschneiden können.
VAST ersetzt keine ADHS-Diagnose und stellt ADHS auch nicht infrage!
Es beschreibt, wie ungünstige Umweltbedingungen und Verhaltensgewohnheiten zu Mustern führen können, die wir auch von ADHS kennen:
- Sprunghaftigkeit
- Fokusprobleme
- ständige Ablenkung
- innere Unruhe
- Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu bringen
Die Ursachen sind jedoch nicht zwangsläufig neurobiologisch. Genau hier wird Differenzierung wichtig. Ähnliche Symptome bedeuten nicht automatisch die gleiche Störung. Eine kurze Beschreibung in einem Video oder eine Checkliste kann einen Denkanstoß geben, sie ersetzt jedoch keine differenzierte diagnostische Betrachtung.
ADHS bleibt eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Unsere moderne Lebenswelt verursacht sie nicht. Die Lebensbedingungen können jedoch beeinflussen, wie deutlich ihre Auswirkungen im Alltag spürbar werden und wie hoch der damit verbundene Leidensdruck ist.
Salutogenese und ADHS: Was Menschen trotz Belastung handlungsfähig hält
Ich lade Sie hier einmal ein, das Thema Gesundheit anders zu denken. In meiner Abschlussarbeit als Stress- und Burnout-Coach habe ich mich intensiv mit Salutogenese beschäftigt, also mit der Frage danach, was Menschen gesund hält, nicht nur danach, was krank macht.
Damit stellt sich eine weitere Frage: Warum gelingt es manchen Menschen, trotz hoher Belastungen gesund und handlungsfähig zu bleiben, während andere zunehmend unter Druck geraten?
Salutogenese richtet den Blick auf die Bedingungen, die Gesundheit fördern und Menschen helfen, Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Dazu gehören unter anderem:
- Kompetenzen und Selbststeuerungsfähigkeiten
- soziale Unterstützung
- hilfreiche Gewohnheiten
- Erholung und Schlaf
- Sinn und das Gefühl, das eigene Leben gestalten zu können
Gerade im Zusammenhang mit ADHS eröffnet diese Perspektive einen wichtigen Gedanken: Eine Diagnose allein erklärt nicht, wie gut ein Mensch seinen Alltag unter konkreten Bedingungen bewältigen kann. Ebenso bedeutsam sind Ressourcen, Beziehungen, Vorerfahrungen und die Passung zwischen individuellen Voraussetzungen und den Anforderungen des Lebens.
Das bedeutet nicht, Schwierigkeiten schönzureden. Nein, es ist einer der prägenden Pfeiler meiner Haltung als ADHS-Coach, Menschen mit Empathie und Mitgefühl zu begegnen. Aber da Menschen mit Veränderungswunsch kommen, bedeutet es gleichzeitig, den Blick zu erweitern. Neben der Frage, was einen Menschen belastet, wird auch wichtig, was Menschen trägt.
Und hier lohnt sich die Frage, wie Gewohnheiten, Routinen und Lebensbedingungen den Alltag mit ADHS beeinflussen können.
Warum Lebensgewohnheiten ADHS-Symptome verstärken oder abschwächen können
Je länger ich mit ADHS lebe, desto mehr fasziniert mich unser Gehirn, als Coach und ganz persönlich mit meiner eigenen Spätdiagnose. Ich habe mir oft die Frage gestellt:
Warum fallen mir manche Dinge heute schwerer als früher? Welchen Anteil daran hat meine ADHS und welchen die Welt, in der ich lebe?
Ein Verständnis der Neuroplastizität ist hier zentral.
Das Gehirn bleibt über die Lebensspanne lern- und anpassungsfähig. Das eröffnet die Möglichkeit, neue Gewohnheiten zu entwickeln, Kompetenzen aufzubauen und hilfreiche Rahmenbedingungen zu schaffen. Es bedeutet jedoch nicht, dass ADHS „wegtrainiert“ werden kann oder alle Schwierigkeiten allein durch Willenskraft lösbar sind.
Doch jetzt kommt die andere Seite der Medaille: Diese Fähigkeit wirkt in beide Richtungen. Was wir wiederholt tun, kann Gewohnheiten, Aufmerksamkeitsmuster und Erwartungen an Belohnung mitprägen.
Wiederholte kurze Reizzyklen und unmittelbare Belohnungen können Gewohnheiten verstärken, die auf schnelle Reizwechsel ausgerichtet sind. Dann kann es sich schwerer anfühlen, bei längeren, monotonen oder wenig unmittelbar belohnenden Aufgaben zu bleiben. Bei ADHS können Schwierigkeiten mit Aufgabenbeginn, Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit und Belohnungsaufschub zusätzlich eine Rolle spielen.
Auch das gehört dazu, wenn wir das Thema ADHS ganzheitlich beleuchten. Veränderung beginnt deshalb immer mit Selbstreflexion und Ehrlichkeit. Gerade im Zusammenhang mit ADHS lohnt es sich zu fragen:
- Wie gehe ich mit der Informationsdichte meines Alltags um?
- Welche ungünstigen Gewohnheiten verstärken meine Symptome?
- Welche Gewohnheiten oder Rahmenbedingungen verschärfen meine Belastung?
- Welche Gewohnheiten unterstützen mich im Alltag?
Es geht darum, zu lernen, wie ich mit meinem Gehirn arbeite, nicht darum, es zu bekämpfen. Die Herausforderung ist dabei, einen Weg zu finden, mit dem heutigen Tempo der Welt umzugehen und es für mich individuell auch wieder „artgerechter“ und gesundheitsförderlicher zu gestalten. Dazu können Entschleunigung, bewusste Pausen, ein reflektierter Umgang mit digitalen Reizen, passende äußere Strukturen und realistische Selbststeuerung gehören.
Ich bin meiner ADHS nicht ausgeliefert. Ich kann mein Leben mitgestalten.
ADHS verstehen: Ein differenzierter Blick statt einfacher Antworten
Was bedeutet das nun für unseren Umgang mit ADHS?
Vor allem eines: Wir müssen voreilige Schlüsse vermeiden. Nicht jede Konzentrationsschwierigkeit ist Ausdruck einer ADHS. Gleichzeitig lassen sich die Herausforderungen von Menschen mit ADHS nicht allein durch die Anforderungen unserer modernen Lebenswelt erklären.
Beides gehört zu einem differenzierten Verständnis.
Je komplexer unsere Lebenswelt wird, desto wichtiger wird es, Menschen nicht vorschnell einzuordnen, sondern genauer zu verstehen, wodurch ihre Schwierigkeiten entstehen. Denn ähnliche Symptome können unterschiedliche Ursachen haben, und unterschiedliche Ursachen benötigen unterschiedliche Formen der Unterstützung.
Es geht darum, mit einem differenzierten Verständnis der eigenen ADHS-Ausprägung und Lebenswirklichkeit den eigenen individuellen Weg zu finden. Das Ziel ist eine Balance zwischen Akzeptanz dessen, was nicht geändert werden kann, und Gestaltungskraft für die Dinge, die ich ändern kann.
Ausblick: Was gehört tatsächlich zur ADHS?
Wir haben gesehen, dass nicht alles, was in sozialen Medien vereinfacht ADHS zugeschrieben wird, wirklich nur durch ADHS erklärt werden kann.
Wir haben außerdem gesehen, dass unsere moderne Lebenswelt ADHS nicht verursacht. Sie kann jedoch beeinflussen, wie belastend ADHS-Symptome im Alltag erlebt werden und wie gut jemand unter den jeweiligen Bedingungen zurechtkommt.
Doch selbst damit ist das Bild immer noch nicht vollständig. Denn auch bei Menschen mit gesicherter ADHS gehört nicht jede Schwierigkeit unmittelbar zu den neurobiologischen Primärsymptomen. Im Laufe des Lebens entwickeln viele Betroffene Bewältigungsstile, Schutzstrategien und dysfunktionale Muster. Manches davon hilft zunächst dabei, im Alltag zu funktionieren, wird langfristig aber zur Belastung. Dazu kann gehören:
- Perfektionismus
- ständige Selbstkontrolle
- Verbergen eigener Schwierigkeiten
- starkes Vermeidungs- und Aufschiebeverhalten
- ein unerbittlicher innerer Kritiker
Diese Muster sind nicht automatisch weitere „ADHS-Symptome“, sondern häufig Reaktionen auf wiederholte Erfahrungen von Scheitern, Scham, Misserfolgen, Kritik oder Nichtverstandenwerden.
Oft begleitet Betroffene der Gedanke: „Ich habe ADHS, ich kann da nichts ändern.“ Nicht selten fühlen sich diese Menschen auch ohnmächtig, weil sie schon alles versucht haben und immer wieder scheitern. So finden sie sich in Abwärtsspiralen. Sie sind entmutigt und es fehlt Zuversicht.
Das ist für mich eine grundlegende und wichtige Unterscheidung:
Was gehört unmittelbar zur ADHS und was hat sich als Folge eines Lebens mit (meist unerkannter) ADHS entwickelt?
Genau darum geht es im nächsten Beitrag dieser Serie.