Gliederung
- Die Gefahr von Stereotypen: Was ADHS-Content manchmal übersieht
- ADHS im Erwachsenenalter: Warum Komplexität kein Problem, sondern Realität ist
- ADHS als Störung – was die Diagnostik wirklich meint
- ADHS und Sprache: Wie Worte Selbstbild und Selbstwert beeinflussen
- Im Coaching bin ich Brückenbauerin für ADHS
- Um das ganze ADHS-Mosaik zu sehen, reicht es nicht, sich auf ADHS-Symptome zu konzentrieren
- Warum ADHS mehr ist als eine Diagnose: das Mosaik
- Wie das Mosaik meiner eigenen ADHS-Geschichte aussieht
- Warum differenzierte Aufklärung über ADHS heute wichtiger ist denn je
- Mein Blick als systemischer lösungsorientierter ADHS-Coach
Auf meinem Blog war es lange still. Dabei ist meine Website so etwas wie meine beste Mitarbeiterin. Sie führt seit Jahren wunderbare Klient:innen zu mir. Ich habe Erfahrung aus vielen hunderten Coaching-Sitzungen, und habe die unterschiedlichsten Menschen in sehr individuellen 1:1‑Coachingprozessen begleitet. Mit jedem neuen Klienten schlage ich ein neues, spannendes Buch auf, eine neue, einzigartige „Lebensgeschichte mit ADHS“. Gemeinsam versuchen wir zu verstehen, wie sich ADHS durch das Leben zieht, wie ADHS das Leben geprägt hat, aber auch umgekehrt.
Mit jedem Coaching-Prozess erweitert sich mein Blick auf ADHS, das ist bis heute so.
Und gleichzeitig beobachte ich Entwicklungen in der öffentlichen Debatte, die mich sorgen. Darum ist jetzt für mich der richtige Zeitpunkt, meine Haltung zu zeigen, vielleicht auch einen Diskurs anzustoßen, der nicht immer bequem ist. Dabei werde ich sicher auch unpopuläre, diskutierbare Meinungen einbringen.
Die zentralen Fragen lauten für mich:
- Was benötigen Menschen, die von ADHS betroffen sind, wirklich?
- Was unterstützt sie langfristig, jenseits von schnellen Tipps und lauten Überschriften?
- Welche unterschätzten Botschaften werden vermittelt? Wie prägen diese Selbstbilder und Hoffnungslosigkeit?
Die Gefahr von Stereotypen: Was ADHS-Content manchmal übersieht
Kaum ein Thema spaltet im Moment so sehr wie ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung).
Wir lesen polarisierende Berichte, pointierte Kolumnen, laute Aussagen, über ADHS als „Superkraft“ oder „Modediagnose“. Häufig wird mit Extremen gearbeitet. Es entsteht das Bild, als gäbe es DEN typischen ADHS‑Menschen, also eine stereotype Ansammlung von Eigenschaften, die sich mit drei Schlagworten erklären lässt: unaufmerksam, hyperaktiv, impulsiv.
Mir kommt es oft so vor, als ginge es weniger ums echte Verstehen als vielmehr ums Rechthaben. Um die EINE WAHRHEIT über ADHS. Um das große Entweder-oder: wirklich krank oder „überdiagnostizierte Modediagnose“, „Superkraft“ oder „Störung“.
Ich möchte betonen, dass ADHS-Content auch dazu beigetragen hat, dass Menschen anfangen, sich zu hinterfragen, ob sie möglicherweise auch betroffen sind.
Gleichzeitig sehe ich in Teilen der ADHS‑Community eine Entwicklung, die ich mit Sorge beobachte:
- Generalisierungen (WIR)
- Übertreibungen (IMMER – NIE)
Natürlich entsteht so ein großes „Wir‑Gefühl“ über starke Abgrenzung und Andersartigkeit. Es ist Content, der Klickzahlen bringt, aber er unterschätzt, wie sehr dieser Content selbst nicht das erreicht, was er vielleicht soll. Stattdessen werden Stereotype und Stigmatisierung verstärkt, bei Betroffenen, aber auch in der Gesellschaft.
Solcher Content kann zur Aufklärung beitragen, oder eben Bilder verfestigen, die Betroffene wieder in Schubladen sperren. Es zementiert limitierende Glaubenssätze und äußere Vorstellungen davon, was ADHS „ist“ und „wie alle mit ADHS halt so sind“, und Gedanken wie: „Ich habe ADHS, da kann ich nichts ändern“.
Das Schädlichste daran: Es nimmt Betroffenen die Zuversicht, dass wir durch Beharrlichkeit und Zuversicht in kleinen Schritten die Lebenszufriedenheit und -qualität mit ADHS verbessern können.
ADHS im Erwachsenenalter: Warum Komplexität kein Problem, sondern Realität ist
Mit diesem Blog möchte ich dazu einladen, ADHS differenzierter und vielschichtiger zu betrachten, der Komplexität gerechter zu werden und die Dynamik von ADHS ein wenig zu verstehen. Daher lade ich Sie als ADHS‑Coach und selbst Betroffene (Spätdiagnose mit 32 Jahren, „Outing“ mit 53 Jahren) zu einem Perspektivwechsel ein.
Nicht weg von der Wissenschaft, sie bleibt der Rahmen. Ohne fundierte wissenschaftliche Basis ist keine seriöse Arbeit möglich. Wir haben der Forschung all die vielen Erkenntnisse zu verdanken, mit denen wir ADHS im Erwachsenenalter besser und besser verstehen.
Würde ich das kurz auf den Punkt bringen, gilt dabei folgende Faustregel:
Je enger wir den Blick fassen, desto größer ist die Gefahr der Verzerrung. Wenn wir den Blick weiten, schärft sich das Bild.
ADHS als Störung – was die Diagnostik wirklich meint
Beginnen wir mit dem Begriff, an dem viele hängen bleiben. Wenn wir über ADHS sprechen, stolpern wir schnell über das sperrige Wort: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung.
Aus diagnostischer Sicht ist „Störung“ zunächst ein Fachbegriff. Er folgt der Sicht, die in den internationalen Klassifikationssystemen (ICD, DSM) festgelegt ist: ADHS wird als Erkrankung mit Krankheitswert beschrieben, die diagnostiziert, behandelt und über das Gesundheitssystem abgerechnet werden kann.
Diese Einstufung ist notwendig, um:
- Diagnosen überhaupt stellen zu können
- Forschung und Leitlinien zu entwickeln
- Zugang zu Therapie zu eröffnen
- Leistungen der Krankenversicherung, Reha, Nachteilsausgleiche zu ermöglichen
- auch medikamentöse Behandlung zu ermöglichen.
Aus dieser Perspektive hat „Störung“ eine Funktion. Und ja: Der Begriff ist nicht als Urteil über einen Menschen gedacht. Und trotzdem erzeugt Sprache hier ein Bild. Es wirkt wie ein Stempel, ein Mangel oder Defekt: „nicht richtig“ oder „nicht gesund“ sein. Genau hier liegt aus meiner Sicht eine große Gefahr: die Gefahr gesellschaftlicher Stigmatisierung, und die Gefahr, dass Betroffene sich selbst durch diese defizitäre Brille sehen.

Nicht überraschend also, dass renommierte Fachleute für andere Bezeichnungen plädieren, die der Symptomatik gerechter werden und weniger stigmatisierend wirken. So prägt der Schweizer Psychiater Dr. med. Heinrich Lachenmeier die alternative, neutrale Bezeichnung UMIF = Unusual Management of Information and Functions, also etwa „Ungewöhnliches Verwalten von Informationen und Funktionen“.
Ein kleines Gedankenexperiment: Was passiert in Ihnen, wenn Sie innerlich „Störung“ durch „Syndrom“ ersetzen? Es sind nur Worte, und doch verschiebt sich oft etwas im inneren Bild, zumindest ist das bei mir so.
ADHS und Sprache: Wie Worte Selbstbild und Selbstwert beeinflussen
Sprache formt Bilder. „Störung“ lenkt den Blick auf das, was nicht funktioniert. Auf Defizite, auf Abweichung von einer Norm. Das hat seinen Platz, zum Beispiel, wenn es um konkrete Beeinträchtigungen, Rechte und Hilfen geht. Und das ist notwendig, weil der Leidensdruck im Leben mit ADHS manchmal so groß wird, dass wir Unterstützung benötigen.
Aber Sprache wirkt tiefer. Sie wirkt in Identität und Selbstwertgefühl hinein. Wer jahrzehntelang mit dem Gefühl lebt, „gestört“ zu sein, trägt häufig Sätze in sich wie:
- „Mit mir stimmt etwas nicht.“
- „Ich bin zu viel/ich genüge nicht.“
- „Ich bekomme es einfach nicht hin, was alle anderen schaffen.“
Das sind Sätze, die nicht nur von außen kommen, sondern mit der Zeit zu inneren, festen, limitierenden Glaubenssätzen und Begrenzungen werden. Sie beeinflussen Entscheidungen, Beziehungen, Berufswege und die eigene Haltung zu ADHS. Das Wichtigste, was wir haben, ist unsere Beziehung zu uns selbst und unser Selbstbild.
Wenn wir statt „Störung“ von einem „Syndrom“ sprechen, rückt ein anderer Aspekt in den Vordergrund. Als Syndrom bezeichnet man Muster von Symptomen, die häufig gemeinsam auftreten. Und Symptome können neben Schwächen ja auch Stärken, Besonderheiten und Begabungen sein. Es ist eine Ansammlung verschiedener Aspekte, die sich je nach Kontext bei jedem Menschen ganz unterschiedlich zeigen können.
Mir geht es nicht darum, die offizielle Diagnosesprache abzuschaffen. Mir geht es darum, einen bewussteren Umgang damit zu finden und die Fachsprache dort zu nutzen, wo sie hilfreich ist: in Diagnostik, Medizin und Forschung.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir im Alltag eine Sprache und vor allem eine Haltung wählen, die individuelle menschliche Persönlichkeiten würdigt und nicht auf Symptome im Sinne einer Störung reduziert.
Im Coaching bin ich Brückenbauerin für ADHS
An diesem Punkt helfen mir meine zahlreichen Coaching-Klientinnen sehr, auf dem Boden zu bleiben. Wissenschaft, Theorien und Klassifikationen sind wichtig. Aber ebenso wichtig ist es in meinen Augen, konkrete, individuelle Kompetenzdefizite zu erkennen, die ADHS-Symptome mit sich bringen. Denn diese Defizite zeigen sich in Alltagsbeeinträchtigungen und Misslingendem, privat wie beruflich, in Beziehungen, Finanzen, Ausbildungs- oder Berufswegen.
Ich bin sehr dankbar, dass mir in den vergangenen Jahren so viele Menschen ihr Vertrauen geschenkt haben und ich tiefe Einblicke in ihre Lebenswege bekommen durfte. Hier zeigt sich die enorme individuelle Vielfalt von ADHS im Erwachsenenalter, aber insbesondere der alltagsrelevante Leidensdruck von ADHS im Erwachsenenleben.
Dabei ist es weit gefehlt, dass es den einen Typ gibt. Ja, es gibt Überschneidungen, ähnliche Muster, wiederkehrende Themen. Jedes Leben erzählt jedoch seine ganz eigene Version von ADHS.
- Die erfolgreiche CEO, die äußerlich alles im Griff hat, aber innerlich permanent gegen Chaos und Selbstzweifel ankämpft und kaum in der Lage ist, einen geregelten Haushalt zu führen.
- Die vielen kreativen Programmierer, die im Hyperfokus unglaubliche Dinge schaffen und an den scheinbar „kleinen“ Alltagsaufgaben verzweifeln und Berge von langweiligen unerledigten Aufgaben haben, unter denen das Kartenhaus zusammenzufallen droht.
- Die Stillen, die angepasst durch Schule und Beruf gegangen sind, um ja nicht aufzufallen, und innerlich längst ausgebrannt sind, weil sie versuchen, ihr ADHS zu maskieren, oft auch durch heimliche unbezahlte Überstunden. Sie können häufig den schnellen Anforderungen der Arbeitswelt nicht mehr folgen.
- Promovenden, die sich durch ihre Promotion kämpfen, im Dickicht der wissenschaftlichen Studien.
- Abiturienten, die trotz aller Intelligenz mitten in der Pubertät um das Bestehen des Abiturs kämpfen.
- Alleinstehende Frauen oder Männer, die nie das Glück hatten, einen strukturgebenden Partner an der Seite oder im Rücken zu haben, und die im Chaos leben.
- Die vielen spät erkannten Frauen, die erst in der Perimenopause ihre Diagnose erhalten.
- Oder auch Menschen 70+ mit einer frischen ADHS-Diagnose.
- Und ja, auch viele stille, spät diagnostizierte Männer, die in der Öffentlichkeit kaum eine Stimme haben.
- Die vielen Hochbegabten, die sich Unterstützung wünschen, ihre PS auf die Straße zu bringen, und denen ADHS die Richtung im Leben nimmt.
All das ist ADHS, eine breite Vielfalt an Menschen und Anliegen. Es ist, als würde man versuchen, „die Blume“ zu verstehen und dabei die unzählige Vielfalt an Sorten, Farben, Formen und Größen übersehen.

Mit jedem Klienten schlage ich ein neues Buch auf. Wir verstehen gemeinsam die Lebensgeschichte mit ADHS. Wir verstehen die Gegenwart, gestalten die Zukunft, und dabei sind auch Blicke in die Vergangenheit notwendig. Durch diese ganzheitliche Betrachtung zeigen sich nicht selten weitere neurodivergente Facetten: Hochbegabung, Autismus‑Spektrum, Hypersensibilität. Manchmal diagnostiziert, manchmal nur als Arbeits-Hypothese. Auch Komorbiditäten wie Depression oder Angststörung in der Lebensgeschichte sind nicht selten. Diese finden in Therapien Begleitung.
Um das ganze ADHS-Mosaik zu sehen, reicht es nicht, sich auf ADHS-Symptome zu konzentrieren
Wir müssen die Lebensgeschichte verstehen, die oft nachhaltig geprägt ist durch unerkannte oder spät diagnostizierte ADHS, durch viele Schamerfahrungen, Misserfolge, durch das Gefühl der Andersartigkeit. Wir schauen auf die Strategien, die bisher geholfen haben, Brüche und insbesondere die oft dysfunktionalen (wenig hilfreichen) Bewältigungsstile und Schemata/Muster, die entstanden sind.
Wenn Menschen sich öffnen, sehen wir Leidensdruck, Trauer und Scham, verpasste Chancen, versteckte Erschöpfung und Anstrengung, die niemand von außen sieht. Aber auch gleichzeitig viel Mut, Kreativität, Durchhaltevermögen. Und bei der Lösungsfindung zeigt sich oft ein wunderbarer Ideenreichtum, wenn ich die richtigen Fragen stelle.
So können wir Abwärtsspiralen durchbrechen, aus denen Klient:innen trotz großer Anstrengung allein schwer herausfinden. Wissen über ADHS, Standardlösungen und schnelle Tipps greifen hier meist zu kurz. Diese übersehen das Einzigartige, das jeden Menschen ausmacht, und vor allem die hinderlichen, limitierenden Kräfte.
Genau deshalb sind Verstehensprozesse so wichtig, um das Gefühl zu bekommen, mit der eigenen Geschichte wirklich gesehen zu werden. Es geht darum, das Gesamtbild im Blick zu haben, zu verstehen, welche Muster und Glaubenssätze sich aus dem Lebensweg mit ADHS entwickelt haben. Es geht darum, Menschen bei ihrer Suche nach Identität und bei der Stärkung ihres Selbstbilds zu helfen.
Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte.
Deshalb hat auch jeder Mensch seine eigene Lösung.
So kann ein wirklich scharfes Bild entstehen, das jedem Einzelnen gerecht wird.
Warum ADHS mehr ist als eine Diagnose: das Mosaik
Wenn wir weit herauszoomen, so, als würden wir beim Fotografieren das Objektiv auf Weitwinkel stellen, bis das ganze Bild sichtbar wird, entsteht für mich ein Bild, das ich besonders liebe: das Mosaik. Meine Klient:innen wissen, ich arbeite gerne mit Bildern und Metaphern. Erst durch das Gesamtbild erkennen wir, was ADHS für diesen einen Menschen wirklich bedeutet.

Jedes bunte Steinchen kann für einen Teil stehen, wobei kein Teil für sich allein „die Wahrheit“ ist:
- Symptome
- Ressourcen und Begabungen
- Lebensgeschichte
- Beziehungen und Unterstützer:innen
- weitere Diagnosen (z. B. Autismus, Hochbegabung)
- Komorbiditäten (z. B. Depression, Angst)
- Kompetenzen und Kompetenzlücken
- Hinderliche Muster und Glaubenssätze.
Wie das Mosaik meiner eigenen ADHS-Geschichte aussieht
Ich selbst wurde erst im Erwachsenenalter mit 32 Jahren diagnostiziert, nach artgerechter Kindheit auf dem Land und vielen Jahren erfolgreichem Leistungssport/Siebenkampf. ADHS war zu dieser Zeit und in diesem Umfeld kein Thema (obwohl meine Zeugnisse ein deutliches Bild erzeugt haben).
Doch auch ich wollte verstehen, warum mir manche Dinge so schwerfallen, während sie anderen scheinbar mühelos gelingen. Warum ich immer eine kleine Chaosprinzessin war und ich beim berufsbegleitenden Fernstudium solche Schwierigkeiten hatte, den Lernstoff zu behalten.
Über ADHS definiert habe ich mich nie und doch prägt es bis heute einen Teil meines Wesenskerns.

Mit jedem Jahr der Auseinandersetzung mit ADHS hat sich mein Blick verändert. Auseinandersetzung bedeutet für mich, Wissen über ADHS, Gewohnheitsbildung, Neurowissenschaft mit Selbstreflexion zu verbinden, mit der Frage „wie zeigt sich das in meinem Leben?“
Der weite Blick, der durch das Mosaik-Denken möglich wird, lässt ein Sowohl-als-auch zu:
- das Gelingen und die Misserfolge
- die Kompetenzdefizite und die Begabungen
- die Verletzlichkeit und die Stärke
- die bleischwere Überforderung an manchen Tagen, und die Leichtigkeit in anderen Dingen, sowie in meiner Arbeit mit Klient:innen.
Erst als ich begonnen habe, mein eigenes ADHS mit diesem erweiterten Blick zu betrachten, hat sich etwas verschoben: Ich wurde friedlicher. Selbstmitgefühl hat diese strengen, lauten Kritikerstimmen ersetzt. Ich weiß heute, welche Bürde ADHS an manchen Tagen ist, und ich erlebe es in manchen Situationen als Geschenk. Ich habe die zusätzliche Herausforderung durch Hormonänderungen wie Schwangerschaft, Zyklus, Perimenopause gespürt.
Aber ich weiß nicht, wie Leben ohne ADHS ist. Ich kenne mich nur so. Daher wird man auch nie klar abgrenzen können, was ADHS ist, und was Persönlichkeit, Bewältigungsreaktion oder Vermeidungsverhalten.
Durch den Leistungssport habe ich früh gelernt, auf meinen Körper zu hören. Er ist bis heute mein bester Freund. Denn nur mein Körper kann mir sagen, was ich benötige, welches Bedürfnis ich habe, wo Grenzen sind, wo sich vielleicht noch Spielraum ergibt für günstigere Entscheidungen und Handlungsmöglichkeiten. Dabei habe ich immer das Ziel vor Augen, mein Leben mit ADHS BESTMÖGLICH gesundheitsförderlich zu beeinflussen.
Nicht, weil die Diagnose verschwunden wäre. Es gibt keine Brille, die wir aufsetzen und die Sehschwäche ist verschwunden. Aber mein Blick auf mich hat sich verändert. Er ist weiter geworden, weicher und zuversichtlicher, nicht jeden Tag, aber oft.
Ich habe aufgehört, gegen ADHS zu arbeiten, und begonnen, mit meinem einzigartigen Mosaik zu arbeiten, und da gehört ADHS eben dazu. Wenn Sie mehr über meinen Lebensweg mit ADHS lesen möchten, folgen Sie gerne diesem Link: Die Herausforderungen und Chancen meiner eigenen ADHS-Diagnose
Warum differenzierte Aufklärung über ADHS heute wichtiger ist denn je
Ich bin mir der Verantwortung bewusst, wenn ich öffentlich über ADHS schreibe und spreche. Dieser Artikel hat nicht den Anspruch auf absolute Wahrheit. Er zeigt meine Haltung, die entstanden ist aus meiner eigenen Geschichte mit ADHS, zahlreichen fundierten Aus- und Weiterbildungen und aus vielen gemeinsamen Wegen mit meinen Klient:innen.
Eines ist mir hier wichtig: Vielleicht lesen den Artikel Menschen, die entmutigt sind, kraftlos, hoffnungslos, die im Chaos und der Überforderung versinken. Nichts von dem ist mir fremd. 55 Jahre ADHS-Management haben mich durch all diese Phasen und viele Aufs und Abs geführt. Jede Veränderung im Außen durch Beziehung, Job, Kinder, Pflege, Altern kann alles wieder auf Null setzen. Aber genau das prägt meine Haltung. Ich begleite Menschen aus einer Balance von Empathie und Mitgefühl und echtem Verständnis heraus. Ich bezeichne mich als Ressourcenfinderin, wo Klient:innen den Blick auf ihre eigenen Begabungen, Erfolge und Talente verloren haben.
Prägend ist auch, dass ich mit der Zuversicht und der Veränderungskraft und einem Growth-Mindset einer ehemaligen Leistungssportlerin und Erziehungswissenschaftlerin begleite. Nach dem Motto: „Ich kann das NOCH nicht, aber ich kann das lernen.“
Mein Blick als systemischer lösungsorientierter ADHS-Coach
ABER! Ein gelingendes Leben mit ADHS benötigt mehr als individuelle Anstrengung.
Dieser Blog hat den Blickwinkel bewusst auf die Vielfalt von ADHS gerichtet. Als systemischer Coach weiß ich, dass wichtige Fragen offenbleiben.
Zum Beispiel: Welche Rahmenbedingungen benötigen Menschen für ein gelingendes Leben mit ADHS – schulisch, beruflich, familiär und im Gesundheitssystem?
Welche gesellschaftlichen Veränderungen wären notwendig, damit die Verantwortung für ein gelingendes Leben mit ADHS nicht ausschließlich beim Einzelnen und bei den Familien liegt, sondern ein unterstützendes System ganzheitlich greift? So wie viele Zahnräder, die ineinandergreifen.
Denn das Spektrum ist breit und die Lebenssituationen von Menschen mit ADHS sind vielfältig. Deshalb braucht es auf der Lösungsseite ganz unterschiedliche Hebel.
Diese Fragen werde ich in einem späteren Blog vertiefen.
Erste Gedanken zu ADHS und Beruf finden sich bereits in diesem Blogartikel: ADHS Erwachsene – die verkannten Stärken entdecken und entfalten!
Wer schreibt diesen Blog?
Ich bin Christiane Altemöller, B.A., ADHS-Coach und Trainerin. Kopf und Herz hinter: Coaching| ADHS-ADULT im DIALOG. www.christianealtemoeller.de
Ich bin Online-Coach aus Überzeugung und arbeite im 1:1 Einzelcoaching, Paarcoaching und Gruppentraining mit Betroffenen. Dabei biete ich auch Überbrückungsunterstützung an (bis Diagnosetermin oder Therapiebeginn).
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